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Eine Website aus dem Chat

· Christiane Seitz

Unsere Website kaminrun.de hat niemand von Hand gebaut. Kein Baukasten, kein CMS, keine Agentur. Wir haben mit einem Agenten gechattet, und der Agent hat gebaut. Zwei Wochen, von der ersten Nachricht bis zum Go-live. Klingt nach Werbeprospekt. War es nicht. Es war ein Setup, das wir uns vorher genau überlegt haben, und ein paar Regeln, die wir unterwegs gelernt haben.

Die Wette

In unserer Teamrunde am 24. September haben wir uns etwas vorgenommen, das man eigentlich nicht laut sagt: Wenn wir behaupten, dass agentisches Arbeiten funktioniert, dann muss unsere eigene Website der erste Beweis sein. Nicht ein Kundenprojekt, nicht ein Demo-Video. Die Seite, auf der ihr gerade lest.

Ob das klappt, war offen. Es durfte auch scheitern. Nur eines durfte nicht passieren: dass am Ende irgendetwas online steht, das kein Mensch gesehen hat.

Das Setup: Wie das überhaupt geht

Ein Agent allein baut keine gute Website. Er braucht einen Rahmen. Unserer besteht aus sieben Teilen.

Links der Team-Chat, zum Beispiel Slack, mit drei Threads: „Die Fotos von der alten Seite sollen rein.“, „Können wir das allgemeiner framen?“, „Und die Grafik bitte cooler!“. Die Threads laufen in die Mitte zu unserer Agenten-Plattform. Dort sitzt der Agent: Er liest jeden Thread mit, diskutiert, fragt nach und baut, mit Zugriff auf Repository, Wissen und Vorschau. Rechts der Kreislauf: diskutieren, umsetzen, Feedback, mergen, Vorschau, freigeben. Freigeben darf nur ein Mensch, erst dann geht es auf kaminrun.de.

Vom Thread bis kaminrun.de: Der Agent baut, Menschen entscheiden.

1. Ein Team-Chat statt eines Pflichtenhefts

Alles beginnt da, wo wir sowieso reden: im Team-Chat, zum Beispiel in Slack. Jeder aus der Runde kann schreiben, was er will, so wie er es einer Kollegin sagen würde: „Die Fotos von der alten Seite sollen rein“, „Können wir das allgemeiner formulieren?“, „Die Grafik bitte cooler!“. Jedes Thema bekommt seinen eigenen Thread, und diskutiert wird genau dort.

Jeder Thread landet auf unserer eigenen Agenten-Plattform. Dort sitzt der Agent mit am Tisch. Er hat Zugriff auf das Repository, auf unser gesammeltes Wissen und auf die Vorschau der Seite. Er liest mit, fragt nach, diskutiert mit und setzt um. Dann meldet er sich mit einem Vorschlag zurück im Thread. Wir geben Feedback, er bessert nach. Wenn alles passt, übernimmt ein Mensch den Vorschlag, und die Vorschau baut sich automatisch neu.

Es können auch mehrere Agenten mitarbeiten. Einmal hat ein Agent einem zweiten einen Auftrag geschrieben, der zweite hat gebaut, der erste hat gegengeprüft.

2. Ein Ort für alles

Alles liegt in einem einzigen Repository, also einem gemeinsamen, versionierten Projektordner. Darin drei Bereiche:

Dasselbe Prinzip steckt in unserem Kaminbesteck: die Daten an einem Ort, ihre Bedeutung von Menschen festgelegt. Was nicht im Repository steht, gibt es nicht. Das klingt streng, ist aber der Grund, warum ein Agent morgen dort weitermachen kann, wo einer heute aufgehört hat.

3. Fragen statt Raten

Wo sich das Material widerspricht oder etwas fehlt, entscheidet der Agent nicht selbst. Er schreibt eine nummerierte Frage mit Vorschlag direkt an die Stelle im Text: Für wen schreiben wir die Startseite? Welcher Satz steht oben? Was davon läuft heute wirklich? In der Vorschau sieht man diese Fragen als markierte Kästen. Solange eine Frage offen ist, kann die Seite nicht live gehen. Der Bau bricht dann einfach ab.

Die Fragen haben wir in Besprechungen entschieden. Dafür hat der Agent eine eigene Besprechungsseite gebaut: alle offenen Punkte mit Vorschlag und Alternativen, dazu ein Notizfeld. Nach dem Call geht der Export zurück in den Chat, und der Agent setzt die Beschlüsse um.

4. Jede Änderung ist ein Vorschlag

Der Agent ändert nie direkt etwas an der Website. Er arbeitet auf einer eigenen Kopie und stellt jede Änderung als Vorschlag zur Prüfung, als sogenannten Pull Request. Ein Mensch schaut drauf und übernimmt ihn, oder eben nicht. Übernommenes landet automatisch in einer Vorschau hinter einem Login. Die echte Seite ist für den Agenten gesperrt. Diese Sperre löst nur ein Mensch.

5. Eine Ampel pro Seite

Jede Seite hat einen Status: leer, Entwurf, freigegeben oder gesperrt. Live geht nur, was das Team freigegeben hat. Referenzen, für die ein Kunde noch nicht zugestimmt hat, stehen auf „gesperrt“ und tauchen nicht einmal in der Vorschau auf. Ohne freigegebenes Impressum und Datenschutz geht gar nichts live. So geht nie aus Versehen eine halbfertige Seite raus.

6. Design als Text

Unser Design-System ist keine Datei in einem Grafikprogramm, sondern ein Textdokument im Repository: Farben, Schriften, Abstände, Regeln. Der Agent hat es aus unseren Entwürfen abgeleitet und hält sich bei jeder Änderung daran. Er rechnet auch die Kontraste nach. So kam unser zweites, dunkleres Orange zustande: Das helle ist als Textfarbe schlicht nicht gut genug lesbar, gemessen an der Kontrastregel der WCAG, dem internationalen Standard für barrierefreie Websites. Technisch ist die Seite bewusst schlicht: statisches HTML, keine Datenbank, keine Schriften von fremden Servern.

7. Regeln, die mitlernen

Es gibt eine Datei mit Regeln, die jeder Agent als Erstes liest, bevor er anfängt. Jedes Mal, wenn etwas schiefgeht, kommt dort eine Regel dazu. Das Wissen bleibt also nicht im Kopf einer Person und nicht in einem alten Chatverlauf, sondern dort, wo gearbeitet wird.

Und ja, es hat auch gequalmt

Natürlich lief nicht alles glatt. Mal landete eine Änderung an der falschen Stelle und musste zurückgenommen werden. Mal fehlte dem Agenten ein Zugang, und ein Mensch hat den Schritt übernommen: Schriften herunterladen, Zugangsdaten hinterlegen, sich die Vorschau im Browser ansehen. Und einmal lag der Fehler gar nicht im Code, sondern im Zwischenspeicher eines Browsers.

Das Spannende war nicht, dass nichts schiefgeht. Spannend war, was danach passiert: Der Agent hat jeden Fehler offen benannt, den Grund gesucht und daraus eine Regel gemacht, die ab dann gilt. Kein Vertuschen, kein „läuft schon“. So stellen wir uns das auch bei Menschen vor.

Was uns überrascht hat

Die Fragen sind das eigentliche Produkt. Das Wertvollste, was der Agent geliefert hat, war nicht der Code. Es waren die richtigen Fragen zur richtigen Zeit, jede mit einem Vorschlag, über den man reden kann.

Der Agent findet auch unsere Lücken. Beim letzten Durchgang vor dem Go-live fiel ihm auf, dass auf der Kontaktseite noch gar keine Mailadresse stand. Peinlich? Ein bisschen. Aber lieber vom Agenten gefunden als von euch.

Aufsicht fühlt sich nicht wie Bremse an. Man könnte meinen, das ständige Prüfen und Freigeben bremst. Für uns war es eher wie ein Geländer: Man geht schneller, wenn man weiß, dass man nicht runterfallen kann.

Was wir wieder so machen würden

Und was wir anders machen würden: vorher klären, welche Zugänge der Agent braucht. Das hätte uns einiges Hin und Her erspart.

Was ihr mitnehmen könnt

Ein Agent ist nur so schlau, wie man ihm erlaubt. Ohne Aufsicht gibt es Qualm statt Wärme. Mit Aufsicht, klaren Regeln und einem Ort, an dem das Wissen liegt, wird daraus ein Kaminfeuer. Diese Seite ist unser erstes Scheit.

Wie das im Einzelnen abgelaufen ist, wer was entschieden hat und was am Ende dabei herauskam, steht nüchtern im Werkstück: kaminrun.de.

Wollt ihr so etwas bei euch ausprobieren? Dann lest, ob wir zusammenpassen. Und wer wissen will, was mit Geschäftsdaten passiert, wenn man KI nutzt: Dazu hat Varsha den ersten Funken geschrieben.

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